Forschungsschwerpunkte

Die Forschungsaktivitäten am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung sind um vier zentrale Themen angeordnet.

Wissens- und Technologiekulturen

Ziel unserer Forschung ist es, die kulturellen Kontexte und Praktiken zu untersuchen, in denen Wissen und technologische Innovationen produziert werden. Kontemporäre Forschungslandschaften verändern sich rasch, und traditionelle Rahmungen wie wissenschaftliche Disziplinen reichen nur mehr begrenzt aus, um die soziale Organisation der Wissensproduktion zu beschreiben. Zugleich wird die gesellschaftliche Verantwortung von Wissenschaft und Forschung zu einem immer wichtigeren Thema. Die Wissenschafts- und Technikforschung hat gezeigt, dass der kulturelle Kontext der Wissensproduktion untrennbar mit der Art des produzierten Wissens verbunden (ko-produziert) ist. Die Veränderung der alltäglichen Praktiken, in denen Wissen erzeugt wird, besser zu verstehen, ist daher wesentlich, um darüber diskutieren zu können, wie wissenschaftliche Institutionen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung besser gerecht werden können.
Die Forschung des Instituts hat innovative Ansätze entwickelt, um unterschiedliche Spielarten des Lebens und Forschens in der Wissenschaft zu analysieren. Dabei wurden sowohl traditionelle akademische Disziplinen, wie die Lebenswissenschaften oder die Soziologie, als auch Hybridkontexte wie die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung oder Orte an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft untersucht. Unser Ziel dabei ist, durch empirische Forschung nicht nur zur konzeptionellen Weiterentwicklung der Wissenschafts- und Technikforschung beizutragen, sondern darüber hinaus auch weitere gesellschaftliche Fragestellungen im Blick zu behalten. So haben wir uns in den letzten Jahren beispielsweise mit der Temporalisierung und Projektifizierung der Forschung, mit Evaluierungs- und Bewertungspraktiken in den Wissenschaften oder mit der Rolle neuer Informations- und Kommunikationstechnologien in der Wissensproduktion (z.B. in der Verbreitung von Forschungsergebnissen) befasst.

Technowissenschaften und Gesellschaft: Kommunikation und Interaktion

In Zeiten, in denen Innovation und Wissen als gesellschaftliche Kernthemen gesehen werden, wird es immer wichtiger zu verstehen, wie Technowissenschaften und verschiedene gesellschaftliche Öffentlichkeiten und Gruppen (NutzerInnen, PatientInnen, etc.) einander gegenseitig wahrnehmen und beeinflussen. Eine Herausforderung für Forschung in diesem Bereich ist, dass sich sowohl Technowissenschaften als auch Gesellschaften ständig dynamisch verändern. Während einerseits technologische Entwicklungen neue gesellschaftliche Fragen aufwerfen, verlangen andererseits gesellschaftliche Herausforderungen nach neuen technowissenschaftlichen Lösungsansätzen. Zugleich ermöglichen Kommunikationstechnologien neue Formen der Begegnung zwischen Technowissenschaften und ihren Öffentlichkeiten.
Während der letzten Jahre haben ForscherInnen am Institut untersucht, wie die Arten und Weisen, in der sich Öffentlichkeiten mit Wissenschaft und Technologie auseinandersetzen in spezifische techno-politische Kulturen eingebettet sind. Dies wurde im Rahmen einer Vielzahl techno-wissenschaftlicher Thematiken, insbesondere im Bereich der Lebens- und Nanowissenschaften analysiert.
Die Sichtweise von BürgerInnen auf Wissenschaft und Technologie spielt in unserer Forschung eine besondere Rolle: etwa die Frage, wie BürgerInnen mit Wissen in medizinischen Einverständnispraktiken umgehen, oder wie sie ihre Rolle in öffentlichen Diskussionen über Wissenschaft wahrnehmen. Ebenso haben wir untersucht, wie sich die Tatsache, dass Kommunikation mit verschiedenen Öffentlichkeiten für WissenschaftlerInnen immer wichtiger wird, auf den Wissenschaftsbetrieb selbst auswirkt.

Governance von Technowissenschaften und Gesellschaft

Technowissenschaftliches Wissen und Expertise spielen eine wesentliche Rolle in der Steuerung heutiger Gesellschaften, von geopolitischen Entscheidungsprozessen zum Thema Klimawandel bis hin zu Alltagskontexten, in denen Menschen Wissen einsetzen, um Fragen, die ihre eigenen Körper und Leben betreffen, klären und entscheiden zu können. Daraus ergibt sich die Herausforderung, Demokratie und demokratische Praktiken im Kontext von Wissensgesellschaften neu zu verstehen und zu definieren. Dafür ist es wichtig, die Entwicklung regulatorischer Strukturen rund um technowissenschaftliche Fragestellungen zu untersuchen und zu analysieren, wie in verschiedenen politischen Kulturen Entscheidungen zu Wissenschaft und Technologie getroffen werden. Dies kann zum Beispiel bedeuten, die Etablierung spezifischer Formen partizipativer Politikgestaltung, zu untersuchen. Zentral ist weiters, neue gesellschaftliche Formen der Beurteilung und Bewertung zu analysieren – etwa die steigenden Relevanz der (Bio)Ethik.
In engem Zusammenhang mit den ersten beiden Forschungsschwerpunkten hat die Forschung am Institut Fragen der Governance in folgenden Bereichen behandelt:

  1. Öffentliche Partizipation an Diskussions- und Entscheidungsprozessen zu Wissenschaft und Technologie, und ihre Rolle in Governance-Prozessen.
  2. Die Erzeugung und Funktion von technowissenschaftlichen Zukünften und deren Einfluss auf Gegenwartsgesellschaften.
  3. Überwachungs- und Klassifizierungstechnologien.
  4. Prozesse individueller Selbst-Governance, speziell im Gesundheitsbereich.
  5. Forschungs- und Innovationspolitiken und deren Einfluss auf Forschungskulturen.

Entwicklung neuer Forschungsmethoden zur Analyse der Interaktionen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Die Verfeinerung und Weiterentwicklung qualitativer Forschungsmethoden stellt einen integralen Bestandteil aller am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung durchgeführten Forschungsprojekte dar. In unseren Projekten haben wir neue gruppen-basierte Verfahren, in denen sich BürgerInnen mit Wissenschaft und Technologie auseinandersetzen sowie neue Interviewmethoden zur Erschließung von Wissenschaftskulturen, entwickelt. Reflexivität ist dabei ein wichtiges Element unserer methodologischen Praxis.